Manche Orte muss man nicht suchen. Man muss nur einmal anders abbiegen.
„My Way“ – oder besser: Your Way. Hörst du die Melodie, den Klang des Klassikers? Ein jeder empfindet diesen Song anders, verbindet andere Erinnerungen. Und exakt so sind auch manche Orte. Anders. Individuell. Tief.
Es gibt Stadtviertel, die laut nach Aufmerksamkeit rufen, die bei den „Einheimischen“ und entsprechend den Zugereisten stets auf Platze eins sind. Und es gibt solche, die einfach da sind, entdeckt und geliebt werden müssen – und genau deshalb so wunderbar sind. So ist für mich die Südstraße und der Weg aus der Innenstadt dorthin.
Katja Esser
Blogueuse culinaire, auteur du livre de cuisine Dreiländerschmeck, passionnée par la ville d'Aix-la-Chapelle et maman. Elle sait mieux que quiconque tout ce que l'on peut faire à Aix-la-Chapelle. Suivez ses conseils et découvrez Aix-la-Chapelle sous une toute nouvelle perspective.
Ein kleines Universum
Ich spaziere vom Aachener Dom aus gut 10 bis 15 Minuten durch die Annastraße und das Rosviertel, nähere mich einem kleinen Universum, geprägt von Grafitti besprayten Haussockeln, ein wenig Gastronomie, Einzelhändlern, Hinterhöfen, bepflanzten Kübeln vor Hauseingängen. Auf dem Weg zur Südstraße komme ich durch die Mörgensstraße. Irgendwie ist der Weg auch das Ziel, oder?
"Mörgensviertel"
Stadtplanerisch betrachtet eine Kreuzung, vom Gefühl her eine kleine Insel, auf der das „Theater Mörgens“ und das „Last Exit“ residieren. Bei schönem Wetter sitzt draußen auf der Terrasse – mit Strandkorb – umgeben vom Straßenverkehr eine bunte Mischung aus Lieblingsgästen, Studierenden, Nachbarn, Menschen in der Mittagspause und Spaziergängern. Die Atmosphäre, auch innen, ist ungezwungen, lebendig, geerdet. Ich liebe es, dort zu verweilen. Ein kühles Getränk, das Treiben auf der Straße beobachten und einfach den Moment genießen – manchmal braucht es nicht mehr. Zu empfehlen ist definitiv die Auswahl der guten Küche im Last Exit. Ob zum Lunch, den Snack zum Bier oder zum abendlichen Essen. Salate, Suppen, Tartes, Bowles. Ein Genuss.
Auf der Ecke gegenüber liegt das Theater Mörgens. Es ist, so heißt es, der „Spielraum für Alle“, die kleinste Spielstätte des Theater Aachen. Klein mit 99 Sitzplätzen, jedoch ganz groß in seiner Vielfalt. Ich liebe das tolle Programm einerseits mit Vorführungen des Theaterensembles und andererseits „offenen“ Konzepten, die das Experimentieren, Mitwirken, Entfalten, Diskutieren ermöglichen. Ein Spielraum für alle, im wahrsten Sinne des Wortes.
Ein lukullischer Ort: Eismanufaktur „Leana und Luise“
Liebhaber feiner Eisspezialitäten dürfen an „Leana und Luise“ am Boxgraben, ein Café für Eis, Kaffeespezialitäten und ab den Herbstmonaten Frühstück und Herzhaftes nicht vorbeilaufen. Ich liebe die Auswahl an hausgemachten Eissorten von Klassikern bis hin zu veganen Sorten und ausgefallenen Leckereien.
Draußen an der Kreuzung zur Südstraße zu sitzen, zaubert ein bisschen Großstadtcharme. Klein und Groß, Jung und Alt tummeln sich hier, stehen Schlange. Dako Gnjato stammt aus einer Familie, die in der Region bereits seit Jahrzehnten eine Eismanufaktur besitzt. Er legt Wert auf einen Mix aus Familienrezepten und neuen Trends. Seine Zutaten sind frisch und möglichst aus der Region. Ein Genuss, der auf der Zunge zergeht.
Hinterhofromantik
Hätte der Begriff „Hinterhofromantik“ einen individuellen Straßennamen, so wäre er in meinen Augen „Südstraße“. Beim Spaziergang durch die kurze Straße – gut 250 Meter – finde ich einen Mix aus Gastro jenseits des hippen Mainstreams, ein Tattoostudio, ein Kosmetikstudio, zwei alteingesessene Secondhandläden, einen Goldschmied mit wunderbaren Einzelteilen. Graffitis an Haussockeln strahlen um die Wette mit bepflanzten Kübeln neben vereinzelten Haustüren. Ein Fahrradladen und eine Musikschule locken wie auch die anderen Einzelhändler – natürlich inhabergeführt – buntes Klientel in die Südstraße. Altbauten aus der Gründerzeit und wilhelminische Tendenzen schaffen eine besondere Atmosphäre, die mich magisch anzieht. Jeder Schritt führt zu neuen Blickwinkeln und zur Überlegung, was diese Straße schon alles erlebt habt. Ich fühle mich magisch angezogen.
Mittig der Straße lockt ein großer Durchgang, eine Toreinfahrt in eine grüne Oase, die facettenreicher nicht sein könnte. Neben einem denkmalgeschützten geschichtsträchtigen Bunker, altem Baumbestand und Gebüschen wurde vor vielen Jahren ein Spielplatz, der auch an einer Grundschule gelegen ist, erbaut. Auf Betonstufen verweilt der ein oder andere, genießt sein Eis von Leana und Luise, ein Getränk, Kinder spielen, toben lachen, kicken, radeln ihre Runden. Eine kleine heile Welt, die ich viele Jahre mit meinen Kindern sehr gerne besucht habe.
Fussball, Schnitzel und Spielen
Liebhabern grandioser Sahneschnitzel, bunter Spieleabende oder Fussballfans – Bayern München lässt grüßen! – kann ich defitiniv das „Meisenfrei“ empfehlen. Eine alteingesessene Kneipe mit bodenständiger Speisekarte, frisch gezapftem Bier, stets einem lockeren Gespräch, Fussballfachgesprächen, Live-Übertragungen, einem großen Spielefundus und einer schöner Außenterrasse nach hinten raus. Ganz schön viel, was wirklich glücklich macht. Kein Schnickschnack. Einfach „Sein“ und glücklich sein.
Man sagt: Der niedlichste Club des Universums
Liebhaber des „Dein Hotel Europa“ definieren den Club in der Südstraße genau mit diesen Worten. Ein Club auf zwei Ebenen, Vintage-Interieur und besondere Atmosphäre für Partys, Kultur, ein Freiraum für Künstler/innen, ein Platz für einen Drink an der Theke, nächtliches Abtanzen. Ein Ort jenseits der Mainstream-Partys. Ein Ort, an dem ein jeder sein kann, wie er ist.
Südstraßenfestival
Immer wieder das Zückerchen des Viertels ist das Festival, ein zweitägiges Sub-Kultur-Open-Air organisiert von „Dein Hotel Europa“, der KIMIKO Festival Crew, Anwohnern und Aachener DJ Kollektiven. Ein wirklich berauschendes Fest, das ich in den vergangenen Jahren auch mit meinen Kindern genießen durfte. Ein so tolles Zusammensein zu cooler Musik, Drinks, einem Kinderflohmarkt, Foodständen und, und, und. Lasst euch in den Bann des Festivals ziehen, trefft bekannte Gesichter, lernt neue Menschen kennen und feiert das Leben!
Zum Abschluss bleibt mir nur zu sagen: Vielleicht ist „My Way“ auch ein Stückchen „Your Way“, weil ich durch meine kleine Reise Richtung Südstraße ein wenig Inspiration schenken konnte.
Manche Orte muss man nicht suchen. Man muss nur einmal anders abbiegen.


